Warum sprach mein vierjähriger Sohn nicht beim Kinderarzt?

Wir gingen zum Kinderarzt, mein 4-jähriger Sohn war nicht krank, es ging um eine Entwicklungskontrolle. Der Arzt stellte ihm viele Fragen. Merkwürdigerweise redete mein Sohn nichts, sagte nicht mal ja oder nein, nickte nur oder schüttelte den Kopf. Dann fiel er dem Arzt noch um den Hals und umarmte ihn wie ein Baby. Mir war es peinlich, der Arzt wurde etwas ungehalten, er dachte wohl, er werde zum Narren gehalten. Er brachte meinen Sohn nicht zum Reden. Sonst redet er wie ein Buch, erfindet Geschichten und ist überhaupt stolz auf seine Sprache. Sobald wir draussen waren, sprach er wieder. Mir ist das ein Rätsel!

Sprachlos beim Kinderarzt

Das ist ein schönes Beispiel einer "Merkwürdigkeit"! Wir nennen das ein neurotisches Symptom. Wir alle produzieren solche Symptome, meist wundern wir uns kurz und und vergessen es wieder. Das ist schade, denn gerade daraus kann man wichtige Erkenntnisse ziehen, die eine längere Erklärung brauchen. Diese finden sie im Artikel "Sprachlos beim Kinderarzt".

Sprachlos beim Kinderarzt

Guten Tag Frau Geiger

Sie meinen, wenn ich mit ihm darüber spreche, dann hilft das bereits? Es war ihm ja auch peinlich. Nicht nur mir!
Diebesgut, das hat mir noch Endruck gemacht... Es hat wie eine andere Logik... Ich versuch das gerne aus. Liebe Grüsse Silvia Kerner

Sprachlos beim Kinderarzt

Liebe Frau Kerner

Ja, es hilft, wenn Sie mit ihm darüber sprechen! Sie können ihm sagen, dass sie sich Gedanken darüber gemacht haben, warum er dem Kinderarzt nicht zeigen wollte, wie gut er sprechen kann. Er müsse wohl gefürchtet haben, der Kinderarzt schimpfe mit ihm, wenn er sehe, wie gut er die Sprache schon könne. Es sei tatsächlich so, dass wir alle im tiefsten Innern glauben, wir hätten unsere Fähigkeiten jemandem genommen. Das denke man, weil man es früher als Baby noch nicht konnte und sich ja wirklich sehr viel Mühe gegeben hat, bei den andern genau zuzuhören. Weil man denkt, das will man auch können, denkt man, man habe es sich genommen. Es sei ja schon verrückt, dass man etwas so Gutes mache - nämlich gut lernen - und nachher ein schlechtes Gewissen habe. Das sei beim Menschen nicht so gut konstruiert, aber es sei wichtig, dass man es wisse, dann könne man darauf achten.
Mit dieser Erklärung erleichtern sie das Kind vom schlechten Gewissen, weil Sie das Nehmen ausdrücklich erlauben und tragen etwas dazu bei, dass sein Gewissen nicht so rigide wird.
Berichten Sie, wie ihr Sohn reagiert auf diese Erklärung!

Elisabeth Geiger

Sprachlos beim Kinderarzt

Liebe Grau Geiger

Ich habe mir etwas Zeit gelassen. Ich habe mit meinem Sohn gesprochen und das nun etwas wirken gelassen. Für ich tönt das nach wie vor etwas upgespaced, aber es wirkt. Er hat ausdrücklich auf das Klauen reagiert. Er zog sich sofort zurück und wurde ganz scheu, wie wenn er etwas geklaut hätte. Als ich weittersprach, war das wohl sehr entlastend. Er ist wieder der alte, fröhliche Junge, einfach iene Spur selbstbewusster vielleicht.
Wir waren nicht mehr beim Arzt unterdessen. Ich kan also nicht sagen, wie's dann wäre. Mei Gefühl sagt mir aber, dass er einen Schritt gemacht hat.
Danke für Ihre interessante Anregung, das war ein sehr hilfreicher Gedanke un dfür mich mal eine ganz andere Art, mit meinem Sohn umzugehen. Eigentlich habe ich zu ihm, wie zu einem Erwachsenen gesprochen, sprich etwas erklärt. Natürlich in seiner Sprache, aber von der Ernsthaftigkeit war's anders als bisher. Ich glaube, das ist ein wichtiger Moment für mich selbst, dies bei zubehalten.
Herzlichen Dank, liebe Grüsse
Silvia

Sprachlos beim Kinderarzt

Liebe Frau Kerner

Das freut mich sehr, dass ihr Junge wieder der alte, fröhliche Junge ist, nur etwas selbstbewusster. Sie haben das sehr gut gemacht, wie Sie schreiben: ernsthaft und wie zu einem Erwachsenen gesprochen. Sie haben mit dieser Erklärung sein Gewissen erleichtert, deshalb ist er selbstbewusster. Behalten Sie es bei. Wenn Sie wieder auf ein solches Rätsel stossen, melden Sie sich wieder.

Liebe Grüsse
Elisabeth Geiger

Sprachlos beim Kinderarzt

Hallo Frau Geiger
Ihre Anregung hat unseren Alltag etwas verändert. Ich erkläre meinem Sohn mehr als zuvor. Mehr Dinge, die ich vorher gar nicht zugemutet hätte. Finde ich spannend, immer noch etwas gewohnheitsbedürftig. Unser Sohn ist noch kein Lamm, aber er hört jeweils sehr aufmerksam zu.
Also, herzlichen Dank!
Liebe Grüsse
Silvia Kerner

Sprachlos beim Kinderarzt

Das freut mich, dass Sie mit ihrem Sohn über mehr Dinge sprechen. Kinder verstehen viel mehr, als man ihnen gemeinhin zutraut. Es macht das Leben mit ihnen viel spannender und inniger, wenn man einander erzählt, wie komisch man sich manchmal fühlen kann, auch als Erwachsener.

Liebe Grüsse
Elisabeth Geiger

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