Matters unterwegs

Das Anti-Klischee - der Toyota Avensis 2.0 Multidrive S

Das Toyota-Flaggschiff Avensis ist sehr viel Auto für einen Preis, bei dem ein europäisches Alternativ-Produkt niemals mithalten kann. Ganz abgesehen davon vermochte er Familie Matter recht gut zu überzeugen.

Kategorie:
Autor:
Beat Matter

 

Beats Männermeinung:

Mein Vater sagte früher stets: «So lange ich es mir leisten kann, kaufe ich einen Europäer». Grund dafür war einerseits wirtschaftlicher Kontinental-Patriotismus, andererseits die Qualität. Was Letzteres angeht, möchte ich meinem Vater nach den Testfahrten mit dem Avensis empfehlen, auch mal wieder Toyota zu fahren. Möglicherweise würde er seine Meinung revidieren. Der Wagen lässt nämlich nur wenige Wünsche offen.

Das beginnt schon vor dem Eisteigen: Die Optik des Avensis Kombi ist sehr gelungen. Kein Vergleich mehr mit dem Vorgänger, der in Zürich zu gefühlten Tausenden als Taxi unterwegs ist. Elegant, geschmeidig, ein bisschen sportlich und doch klassisch, aber keinesfalls altmodisch kommt der Familienwagen daher. Die Seitenlinie ist jedoch etwas gar hoch angesetzt. Das stört nicht den Betrachter, möglicherweise aber die «Insassen». Die Verglasung rundherum fällt nämlich recht schmal aus. Janick, hinten rechts im Kindersitz, hatte zumindest keine Möglichkeit, auch nur irgendetwas von der vorbeiziehenden Landschaft zu erkennen. Er musste sich mit der Aussicht auf das gelungene Interieur und auf den Blick in den Himmel begnügen. Diesen sah er vorwiegend durch das wunderbare, riesige Panoramaglasdach. Weil der Schweizer Herbsthimmel sich allerdings vorwiegend durch öde Grauschattierungen auszeichnet und das Wageninnere Janicks Herzchen nicht allzu lange faszinierte, beschäftigte er sich während den Fahrten eher mit dem Studium meiner 25 Jahre alten Papa-Moll-Bücher.

Mich als Fahrer und Connaisseur interessierte das Interieur dagegen sehr. Und es gefiel mir weitgehend. Alles machte einen soliden Eindruck, die Geräuschdämmung während der Fahrt war phänomenal, Platz war stets genügend vorhanden. Das Armaturenbrett präsentierte sich aufgeräumt und praktisch. Die Ledersitze waren bequem, dutzendfach elektrisch verstellbar und die optimale Sitzposition liess sich abspeichern. Im Alltag äusserte sich das folgendermassen: Fuhr Esther, drückte sie ein Knöpfchen und der Sitz bewegte sich in die von ihr bevorzugte (viel zu hohe) Position. Fuhr ich, drückte ich ein Knöpfchen und der Sitz senkte sich in sportliche Strassennähe.

 

"Widersprüchlich: Bei 60 Kilometern pro Stunde konnte man problemlos in den dritten oder zweiten Gang runterschalten. Bei 50 Kilometern pro Stunde in den fünften Gang zu schalten war jedoch eine Unmöglichkeit."

 

Doch Sitzposition hin oder her, der 2 Liter-Vierzylinder-Avensis war keine Sportskanone. Die 152 PS reichten zwar vollkommen aus, um den Wagen souverän zu bewegen. Für den gewissen Spassfaktor, den Mann sich in Sachen Beschleunigung halt doch auch wünscht, fehlten aber einige Pferdchen.

Auf Kriegsfuss stand ich mit dem eigentlich innovativen Automatikgetriebe, das Toyota «Multidrive S» nennt. Dieses Aggregat verfügt nicht über fix vordefinierte Schaltstufen, wie man das von herkömmlichen Automaten kennt, sondern regelt die Übersetzung je nach Fahrverhalten immer so, dass die kleinstmögliche Drehzahl resultiert. Beim Beschleunigen heulte der Motor nervig und einem Roller ähnlich auf, drückte man das Gaspedal nach Erreichen der gewünschten Geschwindigkeit weniger stark, sackte die Drehzahl auf ein tatsächlich erstaunlich tiefes Niveau.

Das Fahrverhalten wurde durch das Multidrive-Getriebe meiner Meinung nach träger. Deshalb fand ich es auch unverständlich, weshalb hinter dem Lenkrad Wippenschalter à la Formel 1 platziert waren, mittels welchen man die Gänge manuell vorwählen konnte. Zumal dann doch nicht bedingungslos geschah, was man mit dem Bedienen der Sporthebel erreichen wollte. In einem seltsam verkehrten Sinne: Bei 60 Kilometern pro Stunde konnte man problemlos in den dritten oder zweiten Gang runterschalten. Bei 50 Kilometern pro Stunde in den fünften Gang zu schalten war jedoch eine Unmöglichkeit. Es ging einfach nicht, so oft ich den Hebel auch betätigte. Diesen Umstand halte ich für widersprüchlich angesichts dessen, dass Toyota sein Multidrive als Massnahme zur Senkung des Treibstoffverbrauchs anpreist.

Glücklicherweise gibt es den Avensis aber auch mit manuellem Getriebe zu kaufen. Und ich würde behaupten, dieser wüsste mit seiner Qualität und dem ausgesprochen guten Preis-Leistungsverhältnis sogar meinen Vater zu überzeugen. Das will etwas heissen.

 

 

 

Esthers Frauenmeinung: 

Der Toyota Avensis, der uns als Testfahrzeug übergeben wurde, war neu. Ganz neu. Noch nicht einmal 500 Kilometer wurden mit ihm bis dahin gefahren. Dies zu wissen machte das Fahren mit dem Auto besonders spannend und aufregend.

Den Avensis empfand ich als sehr ästhetisches Auto mit einer schön geschwungenen Form und einer attraktiven Lackierung. Geschmackvoll war auch das Interieur. Die Innenausstattung, versehen mit hochwertigen Materialen, strahlte Ruhe aus und sorgte für höchsten Komfort. Ein Hauch von Luxus war zu spüren, wann immer ich mit dem Wagen unterwegs war.

Beim Fahren ebenfalls spürbar war die Länge des Autos von 4,77 Meter. Besonders beim Parkieren musste man aufpassen und frühzeitig halten, bevor die vorne weit überhängende Stossstange das Ende des Parkplatzes streifte. Die sehr flache Front- und Heckscheibe empfand ich als gewöhnungsbedürftig, sie passten jedoch zum sportlichen Touch des Wagens. Doch die Sicht nach hinten wurde dadurch eingeschränkt. Dafür sorgte das optional erhältliche Panorama-Glasdach für mehr Licht und ein luftiges Gefühl beim Fahren.

Wenn zwei Personen, wie mein Mann Beat und ich, ein Auto regelmässig fahren, ist das stetige Verstellen des Fahrersitzes nicht vermeidbar. Unsere Posturen sind sehr unterschiedlich und somit auch unser Bedürfnis, wie die Sitze eingestellt sein müssen. Gerade wenn es «pressiert», passiert es immer wieder, dass ich mich für einen kurzen Moment darüber aufrege, den Sitz schon wieder in die für mich optimale Position rücken zu müssen. Die elektronische Verstellbarkeit des Sitzes ist hierfür schon mal sehr hilfreich. Doch der Avensis bietet sogar noch mehr: Zwei verschiedene Sitzpositionen konnten spielend leicht per Knopfdruck gespeichert werden. Meine Position war, wie könnte es anders sein, unter Fahrer 1 gespeichert – mit eher aufrechtem, weit nach vorne gerücktem und hohen Sitz. Beat war demnach Fahrer 2, mit bevorzugtem tief gelegenem, weit nach hinten gelehntem Sitz. Das Tüpfelchen auf dem „i“ wäre es gewesen, wenn sich auch der Innen- und die Seitenspiegel mit selbigem Knopfdruck dem jeweiligen Fahrer angepasst hätten. Vielleicht ist dies ja Zukunftsmusik!

Der Avensis bietet mit viel Stauraum und geräumigen Sitzplätzen überall genügend Raum. Die Kraft des Motors (4-Zylinder-Reihenmotor mit 112 kW / 152 PS) empfand ich als absolut genügend, jedoch nicht übertrieben stark. Die Aussage von Toyota über den Avensis: «Hoher Fahrspass bei geringem Verbrauch» finde ich passend. Im Innenraum sitzend hört man die geringen Fahrgeräusche kaum.

 

"Das Pünktchen auf dem „i“ wäre es gewesen, wenn sich auch der Innen- und die Seitenspiegel mit selbigem Knopfdruck dem jeweiligen Fahrer angepasst hätten. Vielleicht ist dies ja Zukunftsmusik!"

 

Leider sah Janick bei den Fahrten mit dem Avensis kaum zum Fenster hinaus. Das Befestigen unseres Kindersitzes war in der Mitte nicht möglich. Zudem waren die Rücksitze eher tief und Janick sah kaum über den Fensterrand hinaus. Somit musste er sich bei den Fahrten viel mehr Büchern begnügen statt die Gegend zu bestaunen.

Der Avensis war mit dem sogenannten «smart entry & start system» ausgestattet. Das heisst, anders als bei konventionellen Türschlössern funktioniert dieses System mit einem Sender, der die Türen bei blossem Berühren des Türgriffes öffnet und der Motor lässt sich per Knopfdruck starten. Der Schlüssel kann hierfür bequem in der Jacke oder Handtasche gelassen werden. Besonders «smart»: Wenn ich aus Reflex nach dem Abschliessen mittels Betätigen des Türgriffs überprüfte, ob ich den Wagen auch wirklich geschlossen hatte, öffnete sie sich nicht gleich wieder.

Beat und Esther Matter

Mitarbeit: Janick

 

 

 

Technische Daten:

Toyota Avensis 2.0 Valvematic, Multidrive S, Modell Linea Sol Premium

Masse: Länge: 4,77 Meter, Breite: 1,81 Meter, Höhe: 1,48 Meter, Leergewicht: 1540 Kg, Gesamtgewicht: 2050 Kg, Zuladung: 510 Kg, Kofferraumvolumen: 543 Liter, Sitzplätze für 5 Personen. Zwei Sitze im Fond mit Isofix-Befestigungen für Kindersitze ausgerüstet.

Motor: 4 Zylinder-Benzinmotor, 1987 cm3, 112 kW/152 PS Verbrauch: Gesamt: 7.0 Liter/100 Kilometer, CO2-Emissionen: 165 g/km, Abgasnorm Euro 5.

Preis: 54‘550 Franken (Ausstattung Linea Sol Premium, Vollausstattung) Der Basis-Avensis mit 1,8 Liter-Motor, manuellem 6-Gang-Getriebe und 147 PS ist erhältlich ab 34‘400 Franken. Der Testwagen verfügte zusätzlich über Metallic-Lackierung. Er kostete insgesamt 55‘280 Franken.

 

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