Behinderung und Arbeitswelt

«Ich möchte unabhängig werden»

Roger Schwalm leidet unter einer Lernbehinderung. Trotzdem arbeitet er – als Reinigungsmitarbeiter bei der Zürcher Sozialfirma Öko-Reinigungsservice GmbH. Das gefällt ihm und er träumt davon, bald seinen Lebensunterhalt selbständig bestreiten zu können.

Vorsichtig: Roger Schwalm im Museum Haus Konstruktiv in Zürich. Im Hintergrund das Mondrian-Kleid von Yves Saint Laurent (1965)
Kategorie:
Autor:
Beat A. Stephan

Roger Schwalm hofft, bei der Sozialfirma zum Reinigungsexperten zu werden. Bei der Arbeit im Zürcher Museum Haus Konstruktiv erzählt er von seiner Arbeit und seinen Träumen.

«Ich bin zufrieden mit meinem Job als Reinigungsmitarbeiter beim Öko-Reinigungsservice. Das ist eine Sozialfirma, in der Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung arbeiten – zusammen mit Nichtbehinderten.

Umweltschonend putzen

Besonders gut finde ich, dass wir in der Unterhaltsreinigung ohne Chemie und Gift arbeiten, nur mit Wasser und Mikrofasern. Sauber wird’s genauso, und wir schonen Gebäude und Umwelt.

Ich finde es toll, dass man mir in der Firma Verantwortung überträgt. Weil ich gewissenhaft bin, darf ich viele Arbeiten selbständig ausüben. Ich bin sogar zum Vertreter der Mitarbeiter in Sicherheitsfragen und Gesundheitsschutz ernannt worden. Ich belege Kurse zu diesen Themen und gebe mein Wissen gern an Angestellte weiter, die massivere Probleme haben als ich. Manche leiden unter Depressionen und sind verunsichert. Da kann es schon helfen, wenn man zuhört. Ich staune immer wieder, wie man Leute wecken kann, die sonst nie aus sich herauskommen, wenn man das Thema findet, das sie interessiert.

Aufpassen bei der Arbeit im Museum

Meine Arbeit ist abwechslungsreich. Ich arbeite für elf Kunden, komme mit vielen Leuten in Kontakt. Jetzt gerade putze ich im Zürcher Museum Haus Konstruktiv. Ich kontrolliere die Toiletten, reinige den Kühlschrank, leere die Papierkörbe. Die Fenster muss ich heute nicht putzen, aber das mache ich sehr gerne.

Am meisten Spass macht mir aber die Bodenreinigung mit der grossen Scheuersaugmaschine. Natürlich ökologisch, nur mit Wasser und Bürsten. Dabei muss ich besonders umsichtig sein. Ich darf mit meiner Maschine keines der Ausstellungsstücke berühren. Aber zum Glück ist mir nie etwas passiert. Ich passe auf.

Die im Museum Haus Konstruktiv ausgestellte Kunst ist manchmal ganz witzig. Einmal gab es einen Raum voller Pfeile. Das gefiel mir, auch wenn die Putzerei da besonders heikel war. Mit manchen anderen Sachen hingegen kann ich nichts anfangen. Aber mir muss ja auch nicht alles gefallen.

Lern- und Hörschwäche

Man merkt es mir nicht sofort an, aber ich leide unter einer Beeinträchtigung. Es ist eine Lernschwäche, wegen der ich länger brauche, bis ich mir etwas merken kann. In der Schule zeigte sich das besonders beim Rechnen. Da musste ich ewig büffeln, bis ich etwas behalten konnte. Trotzdem ging ich gern zur Schule und hatte verständnisvolle Lehrer.

Ich habe auch eine Hörschwäche. Manche Dinge höre ich einfach nicht. Das ist zwar manchmal praktisch, aber auf die Dauer doch mühsam. Ich erhalte deswegen bald ein Hörgerät, ein modernes, das man nicht sieht. Aber eigentlich fühle ich mich nicht behindert. Mein Ziel ist es, einmal einen Job zu finden, der zum Leben reicht und nicht mehr von Zahlungen der IV abhängig zu sein. Die Arbeit beim Öko-Reinigungsservice ermöglicht es mir, durch mehr Verantwortung und Leistung allmählich von der IV wegzukommen.

Traum von Wärme und Liebe

Der Winter ist nicht meine Jahreszeit. Ich liebe die Wärme, das Baden im Meer. Bis in die Türkei habe ich es schon geschafft, aber mein Traumziel ist Asien. Ich besitze Bücher über die Kultur Thailands, den Buddhismus und die Tempel und auch eine kleine Buddha-Sammlung. Vielleicht wandere ich ja mal in ein asiatisches Land aus, wer weiss? Am liebsten mit einer lieben Partnerin. Ich habe zwar keine Freundin, aber ich halte natürlich die Augen offen.»

Zur Person

Name: Roger Schwalm
Geburtstag: 26. August 1982
Familie: Führt einen Single-Haushalt in Glattfelden ZH
Beruf: Gelernter Landwirt, arbeitet als Reinigungsmitarbeiter
Was ich liebe: Fenster putzen, Gerechtigkeit, Krafttraining, Schwimmen, Pizza
Was ich nicht mag: Leute, die Schwächere diskriminieren – jeder verdient eine Chance

Kommentare

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chefin

Für eine Firma die sich Sozial nennt haben sie keinen umgang mit dem Personal.Ich weis von einer Chefin die ihr Personal beleidigt und Terrorisiert und sowas gehört nicht in eine Soziale Firma....
Wer keine Geduld hat für Leute mit einer Schwäche sollte nicht Chefin sein von solchen.

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jeder verdient eine chance... schön wärs!

... schön wärs, wenn man bei dieser Firma eine Chance nicht nur bekäme, sondern auch behalten kann. Ich fühle mich jedenfalls nicht (mehr) wohl dort und meine Vorgesetzten sind ein echtes "na ja". Ich werde für behindert gehalten, ich werde wie eine minderbemittelte Person behandelt. Mir wird an den Kopf geworfen, dass ich lüge. Mir wird verboten, das Gesicht zu verziehen bei einer Rüge, weil ich wieder einmal mehr irgend eine Kleinigkeit vergessen habe. Dabei habe ich einen IQ von mehr wie 130 und somit bin ich alles andere wie DUMM. Und mir wird vorgeworfen, ich hätte ein "Autoritätsproblem". was so nicht stimmt. Ich habe lediglich ein Problem damit, für behindert gehalten zu werden, nur weil ich an ADS "leide" seit meiner Geburt. ich kann nun mal gewisse Verhaltensimpulse oder Äusserungen nicht kontrollieren. So sehr ich mich auch bemühe. Es klappt halt nicht immer.
und dann noch der lächerlich geringe lohn von 12 Franken pro Stunde. Da fühl ich mich erst recht nicht wertgeschätzt. Ich kann mit diesen 12 Franken und einer 30% Anstellung nicht das Geld verdienen, was ich zum Leben bräuchte. Trotz IV Rente bin ich noch immer auf Ergänzungsleistungen angewiesen.

Ich muss mir eine andere Stelle suchen. Ich dachte echt, eine Sozialfirma wäre ein guter Arbeitgeber. Ich habe mich wohl definitiv getäuscht. Ich mag es nicht, für dumm gehalten zu werden. ADS heisst nicht, dumm zu sein. Ich habe einfach etwas länger, bis ich mir Arbeitsabläufe merken kann. und ich mach halt etwas mehr Fehler wie ein "gesunder" Mensch. das ist alles!

Die Arbeit an sich würde Spass machen. Die Arbeit ist nicht übermässig anstrengend und relativ simpel. Ich halte meinen privaten Haushalt seit Jahren mit Mikrofaserlappen aller Art sauber und kenne diese Technologie sehr gut. Es ist eine einfache und sehr praktische und vorallem ökologische Möglichkeit, Dinge sauber zu machen und zu halten.

Nur meine direkten Vorgesetzten sind anscheinend nicht in der Lage, mit mir so umzugehen, dass es für mich akzeptabel wäre. ich habe Mühe mit jemandem, der mir einen "fürchterlichen Gesichtsausdruck" verbietet, mir an den Kopf wirft "lügen sie mich nicht an" und mich minutenlang voller Faszination für die Mikrofaser vollplappert ohne zu einer wirklichen Aussage zu gelangen. Jemand, der Emulsion meint, aber Emulgierung sagt... Wenn ich etwas sage, wird es aus Prinzip und immer falsch aufgefasst. Wenn ich nichts sage, dann wird mir mit Kündigung gedroht oder man zerrt mich vor den höheren Vorgesetzten. So etwas gehört für mich eindeutig NICHT in eine Sozialfirma. Auch wenn ich Gespräche zur Problemlösung durchaus begrüsse!

ich bin physisch und psychisch schlechter dran wie vorher. Ich war stabil und motiviert, ich war voller Tatendrang. Und dann hat sich alles sehr schnell verschlechtert. Und das eben, weil ich die Illusion hatte, bei einer Sozialfirma würde man auf meine Schwächen Rücksicht nehmen können. Ich habe mich leider gründlich geirrt. Und mir fehlt die nötige Eloquenz, mich so auszudrücken, dass auch meine Vorgesetzten mich verstehen. ich war auch schon in einer leitenden Position tätig und ich habe mich als Vorgesetzte niemals so verhalten, wie ich es bei meinen aktuellen Vorgesetzten tollerieren muss. Von Akzeptanz sind gewisse leitende Angestellte dieser Firma noch weit entfernt. Schade....

Ich möchte nicht mehr weinend nach Hause gehen müssen, nur weil ich einmal mehr zurechtgestutzt worden bin wegen eines kleinen, nichtssagenden Fehlerchens....

es grüsst
eine gefrustete, enttäuschte öko Reinigungs-Angestellte

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Abzocke

Ist wohl das gleiche Spielchen wie bei dieser Ingeus-Drecksbude, die wohl eher die IV abzocken wollen, statt Arbeitslose in langfristige Stellen zu vermitteln

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Sozialfirma?

Schimpft sich sozialfirma und stellt behinderte ein aber behandelt arbeiter wie dreck wenn sie nicht spuren für den hungerlohn. anstatt das personal zu mobben und dann abzustreiten vor dem höheren vorgesetzten sollten sie die vor ort chefs psychologisch geschult sein mit schwierigen menschen umzugehen.....
KAnn ich keinem empfehlen. ich hätte die firma wegen mobbing angezeigt.

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nein danke

Eine firma wo personal so behandelt werde ich nicht empfehlen.......

Bild des Benutzers Gian Gaspare Barruzza

TOP!!!

Hallo ich heisse Gian Gaspare und habe mittlerweile meine Lehre bei der Öko-Reinigungservice abgeschlossen und finde diesen Betrieb einfach genial! Auch wenn viele Menschen die dort gearbeitet haben es für unmöglich fanden, ist es für mich immernoch eine schöne Zeit dort zu arbeiten.

Auch wenn die Vorgesetzten sich nicht immer in einem einfühlen können, machen sie grosse fortschritte!

Die Öko-Reinigunsservice ist wie gesehen noch im Aufbau und es kommen immer wieder neue Leute hinzu, und die Firma wird immer grösser und kompetenter im zusammenhang mit den Mitarbeitern.

Wenn das die Geschäftsleitung liest, möchte ich damit mitteilen das diese Firma wirklich etwas drauf hat!

Von einem stolzem Mitarbeiter/ noch Lehrling

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