Showbusiness: Interview mit Marco Fritsche

«Ich schau mir meine Sendungen nicht an»

TV-Frechdachs Marco Fritsche verkuppelt Bauern, talkt im Studio und erfüllt in der neuen Show «Wünsch dir was» grosse und kleine Wünsche. Das quirlige Appenzeller Landei über das Älterwerden, seine strenge Diät und seine zunehmende Gelassenheit in einem hysterische Umfeld.

Mit dem Schalk des Appenzellers: Fernseh-Liebling Marco Fritsche, tätowiertes Landei.
Autor:
Beat A. Stephan

Von Beat A. Stephan

HARTE DIÄT TROTZ HARTEM BAUCH

«Ich kollabiere gleich», stöhnt Marco Fritsche, «denn ich esse derzeit nach Metabolic Balance. Zum Zmorge gab’s Rührei, eine halbe Avocado, Pumpernickelbrot, Rüebli und einen Apfel. Nach Plan muss ich jetzt essen, und zwar genau 135 Gramm Fleisch und 135 Gramm Gemüse. Alles ohne Fett und nur mit fettfreier Bouillon».

Ich staune ungläubig: «Du bist in Topform, wieso machst du eine Diät»? «Sicher nicht zum Abnehmen», sagt Fritsche, zieht lachend das graue Ben-Sherman-Jäckchen und das bunt karierte Hemd hoch, um seinen Waschbrettbauch zu zeigen. «Aber ich will entschlacken und meinen Säure-Basen-Haushalt wieder in Ordnung bringen. Das ist verdammt hart, zugegeben.16 Tage ohne Feierabendbier, bei strenger Diät mit präzise geregelten Essenszeiten und gleichzeitigem Rauchstopp – Wahnsinn. Aber ich will diesen Kampf gegen mich selbst jetzt austragen».

Er habe die Spezialbouillon dabei, erklärt er der Bedienung im Restaurant des Casinotheaters Winterthur, entschuldigt sich für sein aussergewöhnliches Anliegen und errötet. «Ja, ich werde immer noch rot, wenn auch nicht mehr so oft wie früher. Aber mir sagte mal jemand, dass Menschen, die erröten, eine reine Seele haben. Es sind Menschen, die Skrupel kennen und nicht ohne mit der Wimper zu zucken lügen.» Das sei doch ein guter Trost, findet Fritsche.

Das «Fräulein» bringt das Mini-Schnitzelchen mit dem Häufchen Gemüse. «Ausgezeichnet», lobt Fritsche und lässt den Köchen seinen herzlichen Dank für die Erfüllung seiner Sonderwünsche ausrichten. «In fünf Stunden darf ich noch einmal etwas Kleines essen», freut er sich, nicht ohne sich dafür zu entschuldigen, dass er während des Interviews isst.

DIE NEUE SHOW: FRITSCHE ALS GLÜCKSBOTE

familleSuisse: Marco, deine neue Show heisst «Wünsch dir was». Weisst du, dass es in den Seventies schon einmal eine Show dieses Namens gab?

Marco Fritsche: Ich wusste, dass Dietmar Schönherr und Vivi Bach einmal eine Sendung gleichen Namens gemacht haben. Aber gesehen habe ich dieses Spektakel nie, das war vor meiner Zeit. Ich habe die Redaktion darauf hingewiesen, aber sie meinten, das sei kein Problem.

Was erwartet uns in der neuen Show?

Sie ähnelt «Celebrations» von Björn Hering. Ich überrasche Menschen, mache ihnen eine Freude, so wie das damals Rudi Carrell in «Lass dich überraschen» machte oder jetzt Röbi Koller in «Happy Day». Aber natürlich muss ich mit einem bescheideneren Budget auskommen als die Kollegen vom Schweizer Fernsehen.

Röbi Koller ist ein einfühlsamer «Gschpürschmi»-Typ. Bist du das auch?

Ich versuche es. Aber es ist nicht immer einfach, mit emotional geladenen Situationen umzugehen. Wenn Menschen vor der Kamera losheulen und überfordert sind, wenn ich Familien erlebe, die am Ende ihrer Kräfte sind, weil sie ein krebskrankes Kind haben, dann quält mich ein Kloss im Hals und ich fühle mich hilflos. Es ist mir dann peinlich, einfach wieder zu gehen nach dem Dreh. Daher kommt es mir entgegen, dass wir jetzt erst einmal nur drei Sendungen produzieren. Ich muss erst herausfinden, ob ich für diese Aufgabe der Richtige bin oder ob ich mich doch besser auf meine Heile-Welt-Bauern konzentriere.

Multitalent Fritsche traut sich also auch nicht alles zu?

Sicher nicht. In der «Tagesschau» wäre ich wohl eine Fehlbesetzung. Die Leute wollen von mir nicht harte News erfahren, sie wollen unterhalten werden.

Beim Schweizer Fernsehen kam deine Karriere ja nicht so richtig in Fahrt …

Manchmal ist es gut, wenn einen das Leben zwingt, etwas anderes zu tun.

Eine Herzschmerz-Sendung bewegt auch ältere Menschen. Da ist der Sendeplatz falsch: Sonntag, 22.15 Uhr, in Konkurrenz zu Giacobbo/Müller. Die schlafen doch dann!

Läuft die Sendung am Sonntag spät? Wusste ich gar nicht. Da musst du die Verantwortlichen fragen. Ich schau mir meine Sendungen nicht an. Bis zum Dreh ist die Show mein Kind, danach muss ich das Kind loslassen wie ein Vater seinen 20-jährigen Sohn.

TRÄNEN, STATUSSYMBOLE UND DAS UNIVERSUM

Du weckst in der Show Emotionen. Bist du selbst nahe am Wasser gebaut?

Es überfordert mich teilweise emotional, wenn Menschen weinen. Aber ich kann selber auch sehr schnell losheulen. Das kann ein Film oder ein Buch sein. Beispielsweise «Die Tore der Welt» von Ken Follett. Das Drama der beiden, die nicht zusammenkommen können, hat mich berührt. Zwar weiss ich, dass unser Leben nur ein Nichts ist im Vergleich zum Universum, 80 Lebensjahre können auf ein paar wenigen Seiten dargestellt werden. Aber im Moment, im Hier und Jetzt, ist dieses bisschen Leben das ganze Universum.

Wie findest du Distanz zu dir selbst?

Meine eigenen Dramen versuche ich zu bewältigen, indem ich sie in Frage stelle. Wenn ich etwas als Unglück empfinde, stelle ich mir vor, was das Allerschlimmste wäre, das mir passieren könnte. Dann wird mir klar, dass man nicht um einen entgangenen Job, Geld oder ein Auto trauern sollte. Das ist alles nur eitler Tand, völlig unwichtig. Das einzige, was unbezahlbar und unersetzlich ist, ist ein geliebter Mensch. Je älter ich werde, desto mehr erkenne ich, wie unwichtig Statussymbole sind.

VOM LAUSBUB ZUM MANN

Du sprichst immer vom Alter, dabei bist du doch erst 34!

Ich habe mich verändert. Ich bin nicht mehr nur der ungeduldige Bub, der alles und sofort will, ich habe eine gewisse Gelassenheit erreicht. Ich bin fit, aber sicher nicht mehr jung, auch wenn ich mir den inneren Spitzbuben bewahrt habe. Aber ich habe keine Krise deswegen, im Gegenteil: Mein Leben heute ist besser als das des 20-jährigen Marco. Ich bin gelassener, erfahrener und weiss, was ich will.

Du machst Präsentationen, PR, hast auch schon für Mc Donald’s gearbeitet. Wo liegen deine Grenzen?

Bei allem, was mir nicht passt und nicht zu mir passt. Ich wäre sicher eine Fehlbesetzung am SVP-Puurezmorge oder an einer Scientology-Veranstaltung.

Du lebtest am lärmigen Limmatplatz in Zürich, dann bist du aufs ruhige Land, nach Appenzell geflüchtet. Wieso? War Zürich zu heftig?

Nach zehn Jahren Zürich war ein Wechsel angesagt. Die Stadt mit ihrer Hektik, ihrem Flirren und dem Dauerbetrieb hat mich zu sehr auf Trab gehalten. Das wird irgendwann gefährlich, wenn man wie ich einen Beruf mit einem Hang zur Hysterie ausübt. Seit vier Jahren wohne ich in einem Bauernhaus in Appenzell, 1000 Meter über Meer, mitten in der Natur. Im Parterre lebt meine Mutter, die oberen beiden Stockwerke bewohne ich. Dort kann ich entschleunigen. Aber ich habe noch eine Absteige in Zürich. Ganz zurückgezogen habe ich mich also nicht.

GEMÜTLICHE ABENDE UND UNGEMÜTLICHE GERÜCHTE

Wie lebst du denn in der Abgeschiedenheit?

Zunächst einmal bin ich ja dauernd unterwegs. Drehs hier, Drehs dort, oft an den verschiedensten Orten an einem Tag. Wenn ich dann mal daheim bin, gibt’s Sofaferien. Ich habe etwas zu trinken in Griffnähe und lese.

Von Zürich nach Appenzell – das war auch für deinen Freund eine Umstellung. Ging er deshalb?

Ich habe auch mal gelesen, dass ich mit meinem Lebenspartner ins Bauernhaus gezogen sei. Dabei stimmt das gar nicht. Der Hof ist mein Rückzugsort, den ich mit niemandem dauerhaft teilen will, nach dem Motto my home is my castle. Ausnahmen sind natürlich Gäste. Aber die deponieren ja nur temporär ihre Zahnbürste bei mir. Ich bin es gewohnt, dass die Medien mich verkuppeln und dann die angebliche Trennung melden. Ich leiste mir den Spass, meine privaten Verhältnisse im Dunkeln zu behalten, sage also nicht, ob ich derzeit liiert bin oder nicht. Das hat den Vorteil, dass Leute ungeniert mit mir flirten und mir auch mal augenzwinkernd ihr Kärtchen zustecken (lacht). Aber soviel kann ich sagen: Ich habe bis heute noch keinen Heiratsantrag erhalten.

Unglaublich, wo du doch in Umfragen regelmässig als sexy bewertet wirst. Vermisst du die Stadt, den Ausgang manchmal?

Nein, ich bin ja oft in der Stadt, Zürich und St. Gallen sind nur einen Katzensprung entfernt. Auch wenn viele nicht ganz zu Unrecht sagen, St. Gallen sei gar keine Stadt …

Fühlt sich der trendige, tätowierte Fernseh-Tausendsassa wohl bei den konservativen Innerrhödlern?

Heute schon. Die Appenzeller behandeln mich heute, da sie mich vom Fernsehen kennen, ganz normal und kameradschaftlich. Das war früher anders. Als Gymnasiast in der Klosterschule St. Antonius war ich der Exot, ein bunter Pfau, der seine Frisuren ständig änderte und Klamotten trug, wie man sie in Appenzell nicht kannte. Damals dachten viele, dieser exzentrische Typ habe einen Schaden. Kein Wunder, wollte ich mit 20 nur weg vom Land! Das Heeweh kam dann mit 30. Deheem fühle ich mich heute vor der Kamera – und im Appenzell.

Du galtest in deinen Jahren beim Musiksender Viva als Szenetyp …

… und heute wieder als Landei. So ändert sich ein Image. Aber dieser Wandel ist wohl eine Frage des Alters. Die Party Animals, die ich von damals kenne, träumen jetzt vom Häuschen mit Garten. Denen wäre damals das kalte Kotzen gekommen, wenn man ihnen das prophezeit hätte.

Du bist ja ein kleiner Bauer, der bschütten und melken kann. Hilfst du auf dem Bauernhof?

Wenn ich Zeit habe, helfe ich Leo, dem Pächter des Landes, beim Mähen des steilen Bords. Natürlich mit der Sense, nicht mit dem lauten Trimmer. Den finde ich extrem uncool. Ich kann mir durchaus vorstellen, später Hobbybauer zu werden, Biogemüse anzubauen und Damhirsche zu halten. Rund um unser Haus hat es Tobel, Wälder und Bäche, das würde den Tieren gefallen. Aber das ist nur so ein Traum, keine Absichtserklärung, sonst heisst’s wieder gleich «wann kommen denn nun die Hirsche»?

TATTOO-PHILOSOPHIE

Was bedeuten eigentlich deine Tätowierungen?

Ich wollte schon in der Pubertät ein richtiges Tattoo, nicht so etwas Munziges. Aber bis jetzt habe ich nur die Arme tätowiert, das ist ja armselig. Es ist ein traditionelles japanisches Motiv, ein Koi, der auf dem linken Arm in einem Wasserfall aufsteigt und auf dem rechten Arm wieder runtersteigt. Yin und Yang eben. Zudem ist der Koi ein Symbol für Glück. Ich möchte mir auch noch einen Glücksdrachen auf den Rücken stechen lassen.

Glückssymbole sind dir offenbar wichtig. Bist du auf dem Eso-Trip?

Es gibt schon Dinge, die mich faszinieren, zum Beispiel Zahlen. Ich habe am 8. Januar Geburtstag, wie David Bowie, Shirley Bassey oder Stephen Hawking. Darum war die unendliche Acht schon als Kind meine Lieblingszahl neben der 13, weil meine Mutter das 13. Kind meiner Grossmutter war. Ich hoffte, 2008 werde ein ganz besonderes Jahr für mich. Das war aber ein Irrtum.

Warst du da enttäuscht?

Ein wenig. Ich habe schon meine nachdenkliche Seite, auch wenn ich zum Leben positiv eingestellt bin. Das habe ich von meiner bodenständigen, pragmatischen und aufgestellten Mutter, deren zuversichtliches Motto lautet Me wäss nie, fö wa da guet isch.

Du hast dein Coming-out bei Komiker Simon Enzler gehabt. Erzähl mal!

Als Teenager gestand ich ihm das Drama, dass ich vermutlich schwul sei. Da tröstete er mich ganz lieb und meinte, alle Buben hätten einmal solche Gefühle und es sei nur eine Phase, die sich bei Pubertierenden noch auswächst. Ich warte bis heute, und es geht zum Glück nicht vorüber. Die «Phase» dauert an. Ich kenne Simon schon ewig, er wohnt auch jetzt ganz in der Nähe.

Wolltest du eigentlich immer schon Moderator werden?

Nein. Bis ich 19 war, sah ich mich als Schauspieler. Aber nach dem vierten «Leider Nein» an Schauspielschulen habe ich mir das abgeschminkt und den Plan B aus der Schublade genommen. Ich begann an der Uni Zürich Publizistik zu studieren. Wie viele andere hatte ich keine Ahnung, dass Publizistik eine theoretische Wissenschaft ist, bei der man nicht zum Journalisten ausgebildet wird. Dafür hätte ich eine Volontariatsstelle in einem Medienhaus annehmen und parallel dazu das Medienausbildungszentrum MAZ besuchen müssen. Und dann bin ich bekanntlich in die VJ- und Moderatorenszene hineingerutscht. Da entdeckte ich meine Berufung und begann mein heutiges Leben. Und das ist gut so.

STATIONEN DES MARCO F.

• Fritsche ist in Appenzell aufgewachsen und besuchte das Gymi in der Klosterschule St. Antonius. Nach erfolglosen Versuchen, Schauspieler zu werden, begann er ein Publizistikstudium an der Uni Zürich, das er abbrach. Danach arbeitete er als VJ und Produzent. Bekannt wurde er als Moderator bei Viva. Beim Schweizer Fernsehen war er Aussenmoderator bei «Eiger, Mönch & Maier». Er moderierte auch den Eurovision Song Contest, seine Sprüche waren dafür aber vermutlich zu frech. Furore macht er als Kuppler bei «Bauer, ledig, sucht …».

Hier gibt’s mehr Fritsche

• Jeweils sonntags, 22.15 Uhr strahlt Sat.1 Schweiz die ersten Folgen der Überraschungs-Show «Wünsch dir was» aus. Sie wird Montag, 17 Uhr sowie Mittwoch, 19 Uhr wiederholt.

• Regelmässig präsentiert Marco Fritsche die Frischlingsparade im Casinotheater Winterthur, in der Comedy-Talente auftreten.

• In der Talkshow «Fritsche» auf TVO befragt er jede Woche spannende Gäste.

• Marco Fritsche engagiert sich für die Aidshilfe Die Aids-Hilfe Schweiz wird 25. Aus diesem Anlass bringt der Unterwäschehersteller ISA Bodywear zwei neue Kollektionen auf den Markt. Fritsche ist das Aushängeschild der Kampagne und will zur Aufklärung beitragen. Zehn Prozent des Verkaufserlöses werden von ISA an die Aids-Hilfe gespendet. Die Unterwäsche gibt’s bei Manor, im Fachhandel oder online unter www.isa-lovewear.ch

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