Zur Erinnerung an Künstler Bruno Weber

Im Reich der Träume

Bruno Webers Weinrebenpark ist eine bunte Ode an die Kreativität – und eine Absage an graue Bürokraten. Das Gesamtkunstwerk ist ein lohnendes Ziel für einen Ausflug. Ende Oktober 2011 ist Weber verstorben. Doch der Skulpturenpark wird nach seinen Plänen vollendet.

Gelassen wie Buddhas: Frösche in Bruno Webers Skulpturenpark.
Autor:
Beat A. Stephan

Unten im Tal die verstopfte A1 und öde Industriebauten, am Himmel oben lärmende Düsenjets. Und in der Mitte eine Fantasywelt, bevölkert von riesigen Raupen und Eulen, Vogelmenschen, Einhörnern, Hirschen, Drachen, Seepferdchen und einem 103 Meter langen, begehbaren Flügelhund.

All die Gestalten entspringen der Phantasie von Bruno Weber. Er gilt als der Begründer des phantastischen Realismus in der Schweiz.

Tatendrang und Kraft, das brauchten Bruno Weber und seine Frau Mariann (65) in den 49 Jahren ihrer gemeinsamen Arbeit. Denn selbstverständlich lässt es keine Bau- und Zonenordnung zu, dass da einer unkontrolliert kreativ wird und baut, was ihm die Phantasie gebietet. Jahrelang eckte der Künstler wegen seiner unkonventionellen Bauerei bei den Behörden Dietikons und Spreitenbachs an.

Heute klatscht die Prominenz

Der überbordende Künstler und der pingelige Beamte, das war noch nie ein Traumpaar. Es bedurfte der Toleranz einzelner Behörden, welche die Gesetze «kreativ interpretierten». Doch über die Probleme der Anfangszeit mögen Webers nicht reden: «Vorbei und vergeben».

Heute wird ihr sich unaufhörlich wandelndes Gesamtkunstwerk auch nicht mehr bekämpft. Im Gegenteil: Jährlich strömen 18 000 Besucher in den Park auf der Grenze der Kantone Aargau und Zürich. Bei der Grundsteinlegung zum Wasserpark war die damalige Nationalratspräsidentin Christine Egerszegi des Lobes voll. Chef des Patronatskomitees ist gar Ex-Bundesrat Pascal Couchepin.

Beschwerliche Anfänge und die Kraft einer Frau

Alles begann mit einer Vision des gelernten Malers und Lithografen Weber. Das Langzeitprojekt verlangte den Webers alles ab, auch finanziell – um ihren Traum realisieren zu können, mussten sie unten durch. In dieser schweren Zeit gab Mariann Weber-Godon ihrem Mann Kraft. «Sie ist ein Glückspilz und brachte die Sonne in den Weinrebenpark», schwärmt Bruno Weber von seiner knallroten Muse. Und natürlich packte die begabte Künstlerin und Fotografin tatkräftig mit an: «Ich stampfte den Beton, bediente die Krane und kochte täglich für alle.»

Der «Nichtsnutz» entpuppte sich als Krampfer

Für das junge Paar hatte es einst gar nicht gut ausgesehen. Marianns Mutter, eine wackere Frau aus der Steiermark, hatte Angst um ihr Kind: «Sie warnte mich vor Künstlern, weil die übermässig trinken und nichts arbeiten.» Muttis Meinung änderte sich, als sie sich den vermeintlichen Nichtsnutz genauer angesehen hatte: «Es ist in Ordnung, Mariann», gab sie ihren Segen. «Ich habe seine Hände gesehen, der Mann schafft»

Viele der bunten Figuren sind aus Beton gegossen. Ausgerechnet Beton, der Werkstoff, der oft als Synonym für seelenlose, menschenfeindliche Architektur verwendet wird – man denke nur an die Plattenbauten des letzten Jahrhunderts.

Bruno Webers Park bildet die Gegenwelt zur reinen Zweckarchitektur. Mit dem Vorurteil gegen den Baustoff Beton kann der Künstler nichts anfangen: «Material hat nichts Böses an sich, es ist neutral. Ich wollte zeigen, dass man mit Beton auch anders gestalten kann», sagt er und streicht durch seine lichter werdende Rebellenmähne.

Ständiger Wandel

Der Skulpturenpark befindet sich auf einem 20 000 Quadratmeter grossen Gelände am Waldrand. Bruno Weber hatte es geerbt und darauf ein einfaches offenes Maleratelier eingerichtet. Daraus wuchs ein Riesenwerk: «Am Morgen eilte ich all die Jahre wie von zehn Rossen gezogen zur Arbeit, ich bin beseelt von dem, was ich tue. Dieser Enthusiasmus gibt mir die Energie, die es braucht, um so lange dranzubleiben», erklärt der Künstler seine Schaffenskraft. Er bedauert es, dass seine Parkinson-Erkrankung ihn heute daran hindert, noch selber tatkräftig anzupacken.

Auch nach dem Bau des riesigen Wassergartens ist der Skulpturenpark noch nicht «fertig». Das Werk verändert sich permanent. Zur Freude der vielen Bewunderer. Glücklicherweise hat Weber seine Visionen bis zu seinem Tod festgehalten. So dass sein Werk weitergebaut werden kann.

Text Beat A. Stephan 
Bilder Mariann Weber-Godon

Schlangen, die auch Brücken sind.

Wo und wann?

Der Skulpturenpark befindet sich auf Spreitenbacher Boden, oberhalb der Stadthalle Dietikon. Offen von April bis Ende Oktober, jeden Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr, mittwochs von 13 bis 18 Uhr. Der 20'000 Quadratmeter grosse Park kann auch für Gruppenbesuche mit Führungen gebucht werden (mehr Infos siehe Link unten).

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