Individuelle und anonyme Bestattungen im Trend

Viele Leute gedenken gerne ihrer Verstorbenen und legen Blumen auf das Grab – sofern überhaupt eines vorhanden ist. Denn traditionelle Erdbestattungen auf Friedhöfen nehmen ab, sagt der Religionswissenschaftler Oliver Krueger.

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In den letzten Jahren konnte man eine Zunahme an aussergewöhnlichen Bestattungsformen beobachten. Längst werden die Toten nicht mehr nur auf Friedhöfen in Särgen beigesetzt.

Einige finden ihre letzte Ruhe in einer farbigen und designten Urne zu Hause bei den Hinterbliebenen, andere lassen ihre Asche über einem Gletscher verstreuen oder wollen in einem Friedwald bei einem Baum beigesetzt werden.

Doch nicht nur solche aussergewöhnlichen Bestattungsformen nehmen zu, sondern auch bescheidenere oder sogar anonyme Formen der Beisetzung in Gemeinschaftsgräbern ohne Namensinschrift, sagt Religionswissenschaftler Krueger.

Ist die Vielfalt der Bestattungsformen ein Spiegel unserer Zeit oder hat es schon früher mehrere Möglichkeiten gegeben?

Oliver Krueger: Bereits im 18. Jahrhundert hat ein Prozess der Standardisierung eingesetzt, der mit der Emanzipierung des Bürgertums eingeleitet wurde. Man orientierte sich an den Bestattungen der Aristokratie mit spezieller Trauerkleidung, einer langen Bestattungsprozession und einem ordentlichen Grab, was für das Bürgertum zur Regel wurde. Menschen aus der Mittel- und später aus der Unterschicht orientierten sich daran und wollten ebenfalls ein Grab mit Grabstein.

Was die Vielfalt der Bestattungsformen angeht, muss man allerdings sagen, dass bis ins 19. Jahrhundert – zumindest in den Städten – die meisten Leute in Massengräbern beigesetzt wurden. Nur wer es sich leisten konnte, hatte damals ein individuelles Grab.

Um 1900 begann dann eine neue Bewegung, die zu einer Pluralisierung führte: Kremationen wurden eingeführt. Dies geschah vor allem in protestantischen Gebieten, weil die Kremation im Katholizismus aus theologischen Gründen abgelehnt wurde. Doch auch nicht kirchliche Bewegungen wie beispielsweise die Freidenker befürworteten die Kremation.

Seit den 1990-er Jahren ist schliesslich ein Zuwachs an Friedwäldern zu beobachten, der von der Schweiz ausging. Die Schweiz hat 39 Friedwälder. Doch auch das ist ein sehr alter Gedanke. Schon früher wurden Friedhöfe in einem lichten Wald angesiedelt.

Die Zahl der Angebote für Naturbestattungen nimmt zu. Ist der klassische Friedhof ein Auslaufmodell?

O.K.: Das wird zur Zeit heiss diskutiert. Es ist aber so, dass Gesetze den Rahmen bestimmen, in dem Bestattungen überhaupt erlaubt sind. Die Schweiz ist diesbezüglich liberaler als etwa Deutschland.

Ob es sich bei Naturbestattungen aber um einen Trend handelt, der sich auf die ganze Gesellschaft ausbreitet, müsste man noch erforschen.

Was jedoch abnimmt, ist die klassische Erdbestattung im Sarg mit Grabstätte. Das hat viele Gründe. Die Pflege der Gräber ist sehr aufwendig oder die Hinterbliebenen wohnen nicht in der Nähe des Grabes. Deshalb ziehen viele eine Bestattung nach der Kremation in einem anonymen Gemeinschaftsgrab vor.

Welche Rolle spielt dabei der Rückgang der Mitglieder in den Kirchen?

O.K.: In Bezug auf die Bestattungsrituale ist das sehr wichtig. Es stimmt, dass die Mitgliederzahl der Kirchen am schrumpfen ist. Das hat zweierlei zur Folge:

- Auf der einen Seite ist eine kirchliche Bestattung gewünscht, doch ist der Verstorbene dem Pfarrer meist gar nicht mehr persönlich bekannt. In seiner Trauerrede kann er nicht individuell auf den Toten eingehen, was in der Trauergemeinde als sehr defizitär empfunden wird.

- Auf der anderen Seite haben die Trauernden selber keine Kirchenbindung mehr. Was der Pfarrer erzählt, seine Einordnung des Todes in das christliche Verkündigungsgeschehen, wird nicht als positiv empfunden. Das ist ein grosses Problem für die praktische Theologie.

An diesem Punkt kommen dann die professionellen Bestatter ins Spiel. In den USA kann man das schon seit längerem beobachten: Die Trauerfeier wird nicht mehr von geistlicher sondern weltlicher Musik begleitet, z.B. mit den Lieblingsliedern des Verstorbenen, Fotos werden gezeigt usw. Eine solche individuelle Würdigung der Verstorbenen können die Kirchen nicht mehr anbieten.

In unserem Alltag findet das Sterben und der Tod hauptsächlich fiktiv, in Filmen, aber nur sehr selten in der Realität statt. Die meisten Leute sterben im Spital oder im Altersheim. Wie beurteilen Sie dieses Phänomen?

O.K.: Hier hat eine starke Veränderung stattgefunden, die ausserhalb der Schweiz noch deutlicher zu erkennen ist. Der Soziologe Alois Hahn hat anhand einer Studie gemerkt, dass die jüngeren Generationen viel seltener einen Toten gesehen haben als vorhergehende, die den zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Tote als Teil des Krieges war für diese Generation normal.

Zudem waren Krankheiten oder die Säuglingssterblichkeit vor 50 bis 60 Jahren noch ein Thema, das man nicht trivialisieren sollte.

Heute sieht das allerdings anders aus. Wenn überhaupt nehmen wir den Tod bei Krankheiten wie Krebs wahr oder bei wenigen engen Verwandten. Auch lebt man heute nicht mehr im gleichen Ort und kann so den Sterbeprozess eines Verwandten auch nicht begleiten.

Der Tod als fiktives Erlebnis im Fernseher ist in eine dramaturgische Handlung eingebettet. Meistens stirbt der Böse, was als Trivialisierung des Todes angesehen werden kann. Vielen Menschen ist nicht mehr klar, dass Tod mit Schmerzen verbunden ist. Der Tod passiert nicht innerhalb von 3 Sekunden, sondern er ist ein langer und schmerzvoller Prozess.

Der Prozess des Sterbens wurde verrückt. Das sieht man schon daran, dass der erste Teil der Trauerarbeit, die Totenwäsche, heute der Bestatter übernimmt und selten die Angehörigen.

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Die ideale Serie zum Thema

Die Fernsehserie «Six Feet Under» zeigt auf manchmal makaber-zynische, aber gleichzeitig sehr unterhaltsame Art den verrückten Alltag im privaten Bestattungswesen. Unbedingt empfehlenswert!

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