Feste und Feiern

Weihnachtsbaum Klaus

Eine Weihnachtsgeschichte

Der "Schönste" von allen
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Autor:
Natalie Zumbrunn

„Ich will den da!“ Meine Schwester zeigte mit dem Finger auf den armseligsten Weihnachtsbaum beim Tannen-Willi.
„Der ist zu klein“, sagte Papa.
„Und zu schief“, ergänzte ich fachmännisch.
„Ich will aber genau den da!“ Wie ein Wegweiser deutete Lenas Finger immer noch auf den gleichen Baum.
„Der ist zu struppig“, meinte Papa.
„Und seine Spitze ist angeknackst“, erklärte ich.
Lena verschränkte die Arme. „Ich mag ihn“.
„Frauen“, murmelte Papa.
„Frauen!“, seufzte ich.
„Klaus!“, krähte Lena.
„Klaus?“, fragten Papa und ich gleichzeitig.
Lena nickte. „So heisst er“.
"Wer?“, fragten Papa und ich.
Lena strahlte. „ Na, mein Weihnachtsbaum.“
„Schau mal“, Papa nahm Lena bei der Hand und führte sie zu einem wahren Prachtsexemplar. „Der ist gross, kerzengerade, wunderbar gleichmässig und seine Spitze ist einfach perfekt.“
„Ich will aber den Klaus!“
Langsam nervte mich diese Klaus-Kiste.
„Papas Baum heisst auch Klaus“, zischte ich.
„Nein!“ Lena sah mich an wie jemanden, der keine Ahnung hat. „Der heisst Willfried.“ Ich habe viel mehr Ahnung als Lena. Ich bin nämlich zwei Jahre älter als sie. Und ich weiss, dass Weihnachtsbäume keine Namen haben. Sie heissen nicht. Weder Klaus noch Willfried. Es sind einfach nur Bäume. Es gibt schöne und weniger schöne. Und dann gibt es noch die hässlichen. Wie den, den sich Lena ausgesucht hatte. Den Klaus. Den hässlichsten von allen.
Papa kauerte sich hin. Auge in Auge mit Lena erklärte er ihr noch einmal, warum Klaus nicht der richtige Weihnachtsbaum für uns war. Ganz am Schluss brachte er des Killerargument gegen Klaus vor: „Wie soll den das Christkind die Geschenke unter diesen Baum legen?“, fragte er. „Da ist doch viel zu wenig Platz“.
Ich nickte heftig. Unter Klaus hätte nicht mal die Hälfte meiner Geschenke Platz. Damit blieben immer noch meine andere Hälfte, die Geschenke für Lena und die für Mama und Papa.
Ein Verkäufer mit einem struppigen Bart und einer knallroten Mütze auf dem Kopf kam auf uns zu. „Na haben die Herrschaften einen Baum gefunden?“, rief er.
„Ja“, antwortete Papa. „Wir nehmen den Willfried.“ Die buschigen Augenbrauen des Verkäufers schoben sich bis zum Rand seiner Mütze hoch. „Wollen sie mich veräppeln?“, fragte er.
„Aber nein“, antwortete Papa. „Wieso denn?“
„Weil ich Willfried heisse!“, dröhnte es aus dem Mund des Verkäufers. „Und wie sie sehen können, bin ich ganz und gar kein Weihnachtsbaum!“
„Äh, ich meinte natürlich den hier, bitte“, sagte Papa schnell und zeigte auf das Prachtexemplar.
Brummend schnappte sich Herr Willfried den Baum, schob ihn durch die Einpackmaschine und lehnte in neben mich an den Zaun. Papa bezahlte. Lena stand still daneben. Zu Hause wartete Mama mit frisch gebackenem Weihnachtskeksen auf uns. „Na, habt ihr einen schönen Baum gefunden?“, fragte sie.
„Ja“, antwortete ich und griff nach einem Zimtstern.
„Ein Prachtexemplar“, sagte Papa.
„So gross, dass wir ihn aufs Autodach binden mussten!“, erzählte ich ihr begeistert.
Mama schaute Lena an. „Und gefällt er dir auch?“.
„Mmm“, murmelte Lena.
„Oje“, sagte Mama.
Papa fuhr Lena mit der Hand über die Haare. „Das wird schon wieder.“
Aber das wurde es nicht. Drei Mal kam Lena zu spät von der Schule nach Hause, weil sie ihren Klaus bei Tannen-Willi besucht hatte.
Ich hörte, wie Papa mit Mama redete. Alles verstand ich nicht, aber irgendwie ging es um das hässliche Entlein. Ganz am Schluss sagte Papa: „Ein Baum ist keine Entlein und glaub mir, aus dem Klaus wird nie ein Schwan.“
Danach war Klaus für Mama und Papa kein Thema mehr. Sogar Lena hörte auf, von ihm zu sprechen. Besuchen ging sie ihn auch nicht mehr. Eigentlich hätte damit alles gut sein können. Eigentlich.
Blöderweise hatte ich ein Problem. Mir sass plötzlich der blöde Klaus im Kopf. Weil Weihnachten doch das Fest der Liebe ist und so. Da sollte es allen gut gehen, auch Lena. Die sagte zwar nichts mehr, aber ich wusste, dass sie an Heiligabend bestimmt an Klaus denken würde.
Am 24. Dezember war ich weder fröhlich noch selig, sondern einfach nur mies drauf. Papa befahl mir, mit ihm in die Garage zu kommen, wo wir Willfried zwischengelagert hatten. „Echt“, sagte ich. „Mir ist es egal, wie der Baum aussieht. Hauptsache, es liegen Geschenke darunter und Lena ist glücklich.“
Papa guckte erst Willfried an, danach mich. Und dann sagte er nur ein Wort: „Klaus.“ Mehr war nicht nötig. Ohne zu zögern, packten wir Willfried, banden ihn aufs Autodach und fuhren los.
Bei Tannen-Willi sah es furchtbar leer aus. Die Bäume waren weg. Nur einer stand immer noch da. Hässlicher denn je. Klaus.
Ein Verkäufer mit stattlichem Bart und einer knallroten Mütze schlurfte auf uns zu. Ich erkannte Herrn Willfried sofort. Er uns auch. „Da schau an, wen wir hier haben!“ Er kratzte sich am Bart. „Und, was führt die Herren zu mir?“
„Klaus.“ Ich deutete auf das armselige Restexemplar.
„Ist verkauft“, sagte Herr Willfired.
„Aber … aber … da steht er doch“, stammelte ich.
„Ist trotzdem verkauft“, wiederholte Herr Willfried.
„An wen?“ fragte ich.
„An mich.“ Herr Willfried klang nicht gerade glücklich. „Hatte ja keine Wahl. War der Letzte.“
„Herr Willfried“, sagte Papa feierlich. „Wie wär’s mit einem Tausch? Wir geben ihnen unser Prachtexemplar und nehmen den Kl… äh, den da.“
Herr Willfried guckte uns an, als hätten wir nicht alle Tassen im Schrank. Papa holte unseren Baum vom Autodach. Er sah nicht mehr so wunderprächtig aus wie am Anfang, aber immer noch viel besser als Klaus.
„Ich gebe ihnen aber kein Geld zurück“, brummte Herr Willfried.
„Nicht nötig“, erklärte Papa. „Wir wollen nur den Klaus.“
„Abgemacht“, sagte Herr Willfried.
„Abgemacht“, antwortete Papa.
Er wollte Herrn Willfried die Hand schütteln, doch der hielt seinen neuen Baum fest, als fürchte er, wir könnten es uns anders überlegen.
Taten wir aber nicht. Klaus wurde zwar nicht der schönste Weihnachtsbaum, den wir je hatten, aber garantiert der coolste. Etwas schief und etwas struppig. Die abgeknickte Spitze sah man nicht, denn zuoberst glänzte ein Stern. Es gab nur zwei Dinge, die noch mehr leuchteten als Klaus in seinem Festgewand: Lenas Augen. Und weil der kleine Klaus auf einem Tischchen thronte, damit er auch richtig zur Geltung kam, hatten sogar die Geschenke darunter Platz. Alle.

 

Quelle: Steinbrede, D. 24 weihnachtliche Geschichten. Weihnachtsbaum Klaus (2013). Ebner & Spiegel Ulm.

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