Gastrotipp

Capuns. What else?

Charly Bieler war ein Leben lang Reporter mit Leib und Seele. Jetzt, nach seiner Pensonierung, wirtet der 62-Jährige. Er führt auf der Flimser Foppa auf 1420 Meter Höhe die erste und einzige Capunseria der Welt. Was es dort gibt? Natürlich Mangoldwickel! Was denn sonst?

Vom Reporter zum Capunseur: Der Bündner Charly Bieler in seinem zum Restaurant umgebauten Stall.
Kategorie:
Autor:
Beat A. Stephan

«Ich fühle mich wie neu geboren. 40 Jahre lang habe ich als Journalist die Welt bereist, die Schicksale bekannter und unbekannter Menschen beschrieben. Und jetzt, nach meiner Pensionierung, habe ich mir auf der Flimser Foppa einen Traum erfüllt: Die Capunseria. Meine Frau Mia ist Gastgeberin und ich bin jetzt Capunseur – der erste und einzige der Welt.

Im kleinen Restaurant zelebrieren wir die berühmten Bündner Mangoldwickel. Wie es der Name sagt: Bei uns gibt’s Capuns. Das Original füllen wir mit Salametti, Salsiz, Schinken und Kräutern, aber wir haben auch eine vegetarische und eine mehlfreie Variante. Darüber hinaus führen wir nur noch ein paar Kleinigkeiten wie Salat, Käse und Wurst aus der Region. Das Lokal liegt ideal, neben der Sesselbahnstation, zwischen Wanderweg, Skipiste und Schlittelweg.

Mit 62 noch körperlich arbeiten gelernt

Natürlich bin ich oft kaputt, wenn abends die Letzten das Lokal verlassen. Es ist nicht immer einfach, noch aufzuräumen, zu putzen und alles für den nächsten Tag vorzubereiten, wenn die Gäste schon zu Tal fahren. Trotz allem: es macht mir Freude, Menschen glücklich zu machen.

Das Wirten ist das Gegenteil meiner früheren Arbeit, bei der ich schreibend schilderte, was in der Welt passiert. Jetzt kommen die Menschen her und erzählen selbst.

Anfang August haben wir eröffnet, und bis jetzt schon den Teig für 5500 Capuns hergestellt, gewickelt und Mangoldblätter blanchiert. Eine khoga Büez. So habe ich also mit über 60 Jahren noch körperlich arbeiten gelernt!

Im Stall spukt noch Alien-Vater Hansruedi Giger

Die Capunseria ist ein 1799 erbauter Stall, den ich zusammen mit Mia und Freunden in eine moderne Beiz ganz ohne Alpenkitsch verwandelt habe. Er gehörte einst dem surrealistischen Churer Künstler H.R. Giger. Und natürlich hat er Spuren hinterlassen. Vom Oscar-Preisträger stammt eine metallene Bodenplatte, die das Buffet ziert, sowie ein Snowboard neben der Eingangstüre.

Mit der Idee ging ich schon viele Jahre schwanger. Sie kam mir 1999, als mein erstes Capunsbuch erschien. An jeder Ecke gab’s Pizzerias, aber eine Capunseria gab’s nirgends. Ich habe den Begriff schützen lassen, denn Nachahmer sind schnell zur Stelle. Ich musste schon eine Frau stoppen, die den Namen klaute und damit ihre Produkte verkaufen wollte.

Wie Bielers Phantasie plötzlich für bare Münze genommen wurde

Im Capuns-Buch hatte ich mir damals die Geschichte dieser Spezialität ausgemalt. Ich stellte mir vor, dass eine gewisse Antonia Spescha 1799 sie erfunden habe, als der russische General Suworow mit 30'000 Mann durchs Land zog und die Einheimischen nichts zu essen hatten. Antonia habe im Schnee hinter dem Stall Mangoldblätter ausgegraben, die sonst den Schweinen verfüttert werden, und sie mit im Keller verstecktem Speck und Bündnerfleisch gefüllt.

Obwohl ich die Geschichte als Fiktion deklariert habe, findet man im Internet den Hinweis auf "Antonia, die Erfinderin der Capuns". Im Abschreiben waren die Leute immer schon gut, im Nachrecherchieren weniger … Ich glaube jedoch, dass meine Phantasie der Realität nahe kommen könnte, denn im Russischen heisst Capusta Kohl.

Dem Capunseur sind die Capuns noch immer nicht zu schwör

Obwohl ich vier Jahrzehnte lang mit Leib und Seele für die "Bündner Zeitung", den "Tages-Anzeiger" oder den "Brückenbauer" Reporter war, vermisse ich den Journalismus nicht. Ich schreibe heute nur noch eine Kolumne in der Bündner Woche. Zu mehr fehlt mir die Zeit. Zwar haben wir jeweils nur Donnerstag bis Sonntag geöffnet. Aber an den übrigen Tagen hält mich die Capunseria auch auf Trab – mit Einkäufen und so weiter.

Capuns sind mir übrigens nicht verleidet. Wenn etwas übrig bleibt, geniesse ich sie noch immer. Nicht nur als Qualitätskontrolle!»

Beat A. Stephan

 

Persönlich

Name: Charly Bieler, alias Carl Freiherr von der Foppa

Geburtstag: 23. Juli 1948, Doppellöwe

Familienstand: verheiratet mit Mia Bonzanigo Bieler

Beruf: Buchautor, Journalist, Capunseur

Was ich mag: Den Geruch eines Sommergewitters, das Panorama von der Foppa aus, meinen Pensionärs-Job

Was ich nicht mag: Klemmende Reissverschlüsse, Haushaltfolie, die zusammenklebt, Ignoranten

Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag mittags und abends (ab 8 Personen)

Infos: www.capunseria.ch

Die Capunseria ist zur Wintersaison geöffnet, sobald die Sesselbahn auf die Foppa den Betrieb wieder aufnimmt (18. Dezember). Eine Reservation ist dringend empfohlen: Telefon 078 883 68 99.

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