Arbeitswelt

Sind Asperger-Autisten die idealen Informatiker?

David Steiger ist Asperger-Autist, doch bei seiner Arbeit als Informatiker ist das von Vorteil. Eine Firma hat sich diese Erkenntnis zunutze gemacht. Sie beschäftigt fast ausschliesslich Asperger. FamilleSuisse sprach mit dem 30-jährigen Stäfner und wollte wissen, wie es ihm geht.

Der Asperger-Autist David Steiger braucht eine geordnete, rationale Welt. Etwas, das er in der Informatik findet.
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Autor:
Beat A. Stephan

«Zurzeit geht es mir gut. Bei meiner Arbeit als Software-Prüfer läuft es mir super, ich bin motiviert und die Tätigkeit macht mir Spass. Es ist ein Glück für mich, einen Job zu haben. Das ist nicht selbstverständlich für Menschen mit Asperger-Syndrom. Sie verhalten sich oft anders als Neurotypische. So nenen wir Aspis die sogenannt normalen Menschen.

Der Weg aus der Depression

Ich spiele heute sogar Volleyball. Das war vor drei Jahren undenkbar. Damals, gegen Ende meines Studiums, litt ich unter massiven Stimmungsschwankungen, die zu einer Depression anwuchsen. Ich war antriebslos und müde, ja gelähmt, jede Bewegung bereitete mir Qualen. Inzwischen habe ich die Depression mit Hilfe einer Therapie überwunden – und mit Hilfe meiner Arbeit.

Der ruhigste Arbeitsplatz der Stadt

Ich arbeite für die Asperger Informatik AG in Zürich. Wie der Name sagt, arbeiten dort Menschen mit Asperger-Syndrom. Der Arbeitsplatz ist unseren spezifischen Bedürfnissen angepasst. Es ist ruhig, es gibt keine Hektik und Ablenkung, gesprochen wird nur das Nötigste. Das ist für viele Asperger wichtig, weil ihr Hirn Umweltreize nicht filtern kann. Sie werden von Sinneseindrücken richtiggehend überflutet und gequält. Es ist ein Glück, dass ich nicht unter einer extremen Hypersensibilität leide.

Fast zu perfektionistisch

Das Besondere an dieser Firma ist, dass sie die Stärken der Asperger-Autisten fördert und nicht nur ihre Schwächen sieht. Schliesslich bin ich als extrem analytischer, rationaler Mensch prädestiniert für die Arbeit als Informatiker. Ich verfüge über ein überdurchschnittliches Kurzzeitgedächtnis und konnte schon im Kindergarten rechnen. Das musste ich nicht gross lernen, denn was ich einmal gehört habe, beherrsche ich. Ich arbeite präzis und ausdauernd, völlig fokussiert. Das kommt mir zugute, wenn ich Software pingelig genau auf Fehler prüfen muss. Ich sei manchmal sogar zu perfektionistisch, sagt man.

Die hoch konzentrierte Arbeit macht mich müde, ich bin am Abend oft geschafft. Deshalb arbeite ich 60 Prozent, damit ich mich erholen kann.

Gesellschaftliche Zwänge sind mir ein Graus

Ich funktioniere rational. Gesellschaftliche Zwänge, die mir sinnlos scheinen, akzeptiere ich nicht. So zerschneide ich beispielsweise Spaghetti. Ich bin nicht so geschickt, dass ich sie problemlos auf die Gabel drehen könnte, also mache ich mir das Essen einfach. Das ist logisch, und deshalb verspeise ich die Teigwaren so. Egal, ob man das laut Knigge darf oder nicht.

Alles ist aufgeräumt und angeschrieben

Den typischen Asperger gibt es nicht. Aber gewisse Merkmale tragen viele von uns. Typisch Aspi ist beispielsweise mein Hang zu Genauigkeit und Ordnung. Ich liebe es, wenn mein Tag präzis strukturiert ist und alles seinen Platz hat. Da bin ich in unserem Geschäft nicht der Einzige: Überall ist alles peinlich genau aufgeräumt, säuberlich angeschrieben, keine Bilder an den Wänden lenken die Angestellten ab, keine Radios dudeln vor sich hin, es wird kaum telefoniert. Die meisten von uns kommunizieren sowieso lieber per Mail.

Zum Zmittag gibt's immer das Gleiche am gleichen Ort

Ordnung und Rituale geben auch mir Halt. Ich esse jeden Mittag am gleichen Take-away. Und ich nehme immer das Gleiche: Ein Gruyère-Truten-Schinkensandwich mit Rüebli und Gurken. Und zum Zmorge gibt’s bei mir immer Milch mit Honigbrot. Mir schmeckt das, wieso sollte ich da wechseln?

Für mich ist Vertrautheit lebenswichtig. Darum reise ich auch nicht so gern. Es stresst mich, wenn ich nicht weiss, was wo zu finden ist.

Liebe ist vorläufig noch ein Fremdwort

Emotionen sind ein Problem für mich, eine Liebesbeziehung hatte ich noch nie. So etwas hatte für mich bis jetzt überhaupt keine Priorität, ich war nicht bereit dazu und war froh, dass mir dadurch das seltsame Gefühl erspart blieb, das die Neurotypischen Herzschmerz nennen.

Es ist für mich nicht einfach, Menschen kennenzulernen, weil ich ein Einzelgänger bin. Der Aufenthalt in lauten, stressigen Bars ist für mich vergeudete Zeit; ich mag keinen oberflächlichen Klatsch und Menschen, die nur auf Äusserlichkeiten achten. In Gesellschaft von Neurotypischen schweige ich meistens.

Sicher träume ich ab und zu von einer glücklichen Ehe mit Kindern. Doch ich bin auch da Realist: Es ist mir klar, dass ich dafür sehr viel Glück bräuchte. Wer weiss, vielleicht bin ich in zwei, drei Jahren so weit, dass ich einmal das Internet-Dating ausprobiere?»

Zur Person

Name: David Steiger
Geburtstag: 9. Januar 1980
Zivilstand: ledig
Wohnort: Stäfa ZH
Arbeitgeber: Asperger Informatik AG, Zürich
Beruf: Informatiker, arbeitet als Software-Tester
Was ich liebe: Volleyball, Skifahren, Strategiespiele wie Schach, Computerspiele
Was ich nicht mag: Oberflächliche Menschen, das Tempo der heutigen Zeit, das auf Kosten von Inhalt und Qualität geht, sture Knigge-Regeln

Von Beat A. Stephan

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