Ess-Erziehung

So lernen Kinder essen: Teil 1 - Die Geschmacksentwicklung

Erfahren Sie, wie Ihre Kinder ihr Essverhalten erlernen und wie Sie dieses positiv steuern können. Im ersten Teil erfahren Sie etwas über die Geschmacksentwicklung bei Kindern.

Hmm, das ist fein!
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Autor:
Natalie Zumbrunn

Geschmäcker sind ja bekanntlich unterschiedlich. Ihre Kinder entwickeln eigene Vorlieben und Abneigungen, was den Geschmack von Nahrungsmitteln anbelangt. Doch die Geschmacksentwicklung ist komplex und beginnt schon vor der Geburt.

"Sicherheitsgeschmack der Evolution"

Neugeborene auf der ganzen Welt mögen süss und lehnen sauer, stark salzig und bitter ab. Die Vorliebe für süss ist in tiefen Hirnregionen verankert und bei der Geburt schon vorhanden. Der amerikanische Ernährungspsychologe Paul Rozin nennt dies den "Sicherheitsgeschmack der Evolution". Denn es gibt nichts Süsses auf der Welt, das giftig ist. Ausserdem weist der süsse Geschmack auf eine hohe Energiedichte hin, was früher bei knappen Nahrungsressourcen überlebenswichtig war. Umgekehrt lässt sich eine angeborene Abneigung gegen Bitteres erklären: Viele natürliche Giftstoffe schmecken bitter. Süss und bitter sind bei Ihren Kindern also schon genetisch verankert.

Prägung im Mutterleib

Über das Fruchtwasser und die Nabelschnur geben Sie Ihrem Kind Geschmackseindrücke weiter. Je abwechslungsreicher Sie während der Schwangerschaft essen, desto mehr Geschmacksrichtungen lernt Ihr Kind kennen und lieben. Es wird später aufgeschlossener gegenüber Nahrungsmitteln sein. Ernähren Sie sich einseitig und beschränken sich auf wenige Nahrungsmittel, so wird Ihr Kind später tendenziell nur diese bevorzugen und die Mehrzahl der anderen Nahrungsmittel ablehnen.

Prägung über die Muttermilch

Geschmäcker und Aromen Ihrer Mahlzeiten gehen in die Muttermilch über. Wenn Sie Ihr Kind also stillen, geben Sie ihm weiterhin verschiedene Geschmackseindrücke weiter und Ihr Kind entwickelt noch mehr Vorlieben. Auch hier gilt: Je abwechslungsreicher Sie essen, desto mehr Geschmackseindrücke geben Sie Ihrem Kind weiter.

Ich esse nur, was ich kenne

Wenn Sie Ihrem Kind immer wieder ein bestimmtes Nahrungsmittel anbieten, so wird es dieses irgendwann auch mögen.  Es braucht zirka 17 Versuche, bis ein Kind ein Nahrungsmittel mag. Bei Ihrem Lieblingsessen wird das kein Problem sein, das bieten Sie sowieso oft an. Bei Ihrem Würgessen wird's schon schwieriger. Deshalb: Ess-Abneigungen sind nicht vererbt, sondern lediglich nicht gelernt! Ihr Kind schmeckt sich langsam in Ihre Esskultur hinein und lernt diese kennen. Somit ist auch verständlich, warum Chinesen oder Mexikaner völlig verschiedene Geschmacksvorlieben besitzen. Auch hier gilt wieder ein biologisches Sicherheitsprinzip: Ihr Kind lernt ein Nahrungsmittel kennen, merkt, dass es verträglich und ungiftig ist und speichert es ab. Dieses Nahrungsmittel erkennt es später wieder und weiss, dass es dieses essen kann, ohne negative Konsequenzen zu befürchten.

Das hängt mir zum Hals heraus

Wenn Sie ein Nahrungsmittel zu oft hintereinander verspeisen, entwickeln Sie eine Abneigung dagegen und wollen es erst einmal für eine Weile nicht mehr essen. Dies nennt sich die spezifisch-sensorische Sättigung. Sie sorgt dafür, dass Sie sich abwechlungsreich ernähren. Bei Ihrem Kind dauert es etwas länger, bis diese sensorische Sättigung auf Ablehnung umschaltet. Haben Sie also etwas Geduld, wenn Ihr Kind immer nur Spaghetti essen möchte, irgendwann hängen diese auch ihm zum Hals heraus.

So entstehen starke Abneigungen

Isst Ihr Kind einen verdorbenen Thunfisch-Salat, geht es ihm danach mies und es muss erbrechen. Ihr Kind wird vermutlich nie wieder Thunfisch essen wollen. Nur schon der Gedanke daran verursacht neue Übelkeit. Ihr Kind hat eine Aversion, also eine starke Abneigung gegen Thunfisch entwickelt. Eine solche Aversion kann auch durch eine negative Erfahrung mit zeitgleicher Nahrungsaufnahme entstehen, obwohl die Nahrungsaufnahme nicht die Ursache der negativen Erfahrung ist. Bekommt Ihr Kind seine Lieblingsspeise vorgesetzt, während es krank im Spital liegt und es ihm gerade sehr schlecht geht, so entwickelt es eine Aversion gegen das Nahrungsmittel. Es verbindet seine Lieblingsspeise mit seinem schlechten Gesundheitszustand, obwohl die Speise nichts damit zu tun hat. Die Geschmacksentwicklung Ihres Kindes ist verbunden mit der Entwicklung seines Essverhaltens.

Lesen Sie im zweiten Teil am nächsten Donnerstag mehr dazu.

Natalie Zumbrunn-Loosli

Kommentare

Essen angewöhnen?

Danke für die interessanten Informationen. Ein Punkt erstaunt mich jedoch: Kann man wirklich einem Kind angewöhnen, ein bestimmtes Nahrungsmittel zu mögen? Also mir hätte man auch 18 Mal Blut- und Leberwürste vorsetzen können, ich hätte sie trotzdem nicht gegessen …

Training oder Widerwille

Möglich ist es, aber natürlich hat es auch Grenzen. Es gibt Nahrungmittel, die jemand einfach nicht mag.
Spannend wäre es aber trotzdem, Ihre Essgeschichte in Sachen Blut- und Leberwürste zu hören! Wann und unter welchen Umständen assen Sie zum ersten Mal Blut- und Leberwürste? Mochte in Ihrer Familie oder Ihrem Umfeld als Kind jemand NICHT Blut- und Leberwürste?
Denn Aversionen werden stärker weitergegeben als Favoriten ...

Liebe Grüsse

Natalie Zumbrunn-Loosli

Innereien und so

Tatsächlich gab es an unserem Familientisch nie Blut- und Leberwürste sowie Innereien. Vermutlich, weil meine Mutter sie ebenfalls nicht mochte.
Ich bin ein von der Sprache geprägter Mensch. Das führte auch zu gewissen Abneigungen. Eine Wurst aus Blut, das war für mich als Kind eine unerträgliche Vorstellung.
Die Sprache führte mich jedoch zuweilen auch in die Irre: So weigerte ich mich als Kind standhaft, Magenbrot zu essen, weil ich glaubte, es werde aus Mägen hergestellt …

Das erklärt so manches ...

Spannend Ihre Erklärung! Da wird doch gerade sichtbar, was uns so alles prägt und das hat NICHTS mit dem Geschmack eines Nahrungsmittels zu tun und prägt doch so stark, dass Sie einen starken Widerwillen gegen Blut- und Leberwürste empfinden und sie so auch nicht versuchen wollen.
Danke für die Erläuterungen!
liebe Grüsse
Natalie Zumbrunn-Loosli

Gut zu wissen

Den Artikel finde ich sehr spannend. Ich habe mit meinem Freund auch schon über Nachwuchs gesprochen. Aber solche Dinge wie Prägung in der Schwangerschaft, kommt einem natürlich auf Anhieb gar nicht in den Sinn. Das regt zum Nachdenken. Essen ist für mich etwas sehr genussvolles, aber es hat auch noch sehr viele andere Fasetten, das wird mir immer wieder klar, wenn ich sowas lese!

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