Retrotrend Schallplatte

Vinyl im Blut

Digital ist schön und gut – doch Vinyl ist und bleibt sinnlicher – LPs, Maxis und Singles aus Vinyl lassen wieder viele Herzen höher schlagen. Auch die CD-Generation entdeckt sie.

Da hat man noch ein richtiges Cover in der Hand und lädt nicht nur Daten aus dem Netz runter: Aus Gérald Gloors Vinylsammlung.
Autor:
Beat A. Stephan

«Ich bin mit CDs, iPod und MP3-Files gross geworden. Doch jetzt kaufe ich mir einen Plattenspieler, denn Schallplatten sind einfach sexy», sagt Andy. Der 21-jährige Musikfan aus Effretikon ZH hat den Reiz der analogen Aufnahmen entdeckt. Und mit ihm viele andere junge Menschen.

Im Esszimmer seines Hauses hoch über Zürich ist das Paradies von Gérald Gloor. Dieses hat der 39-Jährige eigenhändig zum Musikzimmer umgebaut. Was heisst hier Musikzimmer - der Raum sieht aus wie ein Plattenladen!

10'000 Tonträger finden sich darin, in selbst gezimmerten Holzschubladen und in Gestellen, säuberlich nach Künstlern geordnet und beschriftet. Es sind Langspielplatten, Maxis und Singles. CDs kommen nur zur Not ins Haus, wenn ein Titel nirgends auf Vinyl erhältlich ist, und sie fliegen wieder aus der Sammlung, sobald der Track irgendwo auf der Welt auf Vinyl gepresst wird.

Karton statt Plastik

Warum dieser Purismus? «Eine Schallplatte ist sinnlicher als eine CD», erklärt der Sammler seine Leidenschaft, während er behutsam eine seltene Maxi der Pet Shop Boys aus der Kartonhülle gleiten lässt. «Da hat man etwas Handfestes, die LP-Cover sind oft Kunstwerke. Ein aus dem Internet heruntergeladenes MP3-File ist nichts dagegen - nichts als ein seelenloses Sammelsurium digitaler Daten.»

Auch der Klang von Vinyl sei natürlicher als der von CDs, sagt Gloor: «Analoge Aufnahmen klingen wärmer als klinisch saubere digitale. Ausserdem kann ich, wenn ich als DJ auflege, mit Plattenspielern die Songs besser übergangslos mischen. Auf meinen beiden robusten Technics SL 1200 mit Direktantrieb kann man Platten von Hand verlangsamen oder anhalten. Deshalb sind diese Plattenspieler bei DJs Kult.»

Die Wände von Gloors Musikzimmer sind behängt mit Picture Discs in allen Farben sowie Raritäten aus 50 Jahren Plattengeschichte - eine Galerie. Spinnerei des letzten Vinyl-Mohikaners? Nein, eine Leidenschaft, die Gloor mit vielen Vinyl-Fans teilt - auch heute, bald 30 Jahre, nachdem die CD in der Schweiz eingeführt worden ist.

Steigende Nachfrage

«Auf unserer Homepage bieten wir mehr als 16'000 Vinyl-Tonträger an, LPs, Maxis und Singles», sagt Philip Baenz, Leiter des Online-Shops von Ex Libris, «und die Nachfrage zieht bei uns stark an.»

Es seien vor allem Dance- und Hip-Hop-Fans, die Vinyl suchten, erklärt Baenz. «Generell kann man sagen, dass eine Mehrheit der CD-Neuheiten auch auf Vinyl erscheint. Wer will, dass seine Musik in Clubs gespielt wird, muss sie als Maxi herausbringen. Und das ist gut so. Ich bin überzeugt: Vinyl wird nie verschwinden!»

Von Beat A. Stephan

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