Behinderung und Arbeitswelt

«Word, Excel, das waren für mich früher Fremdwörter»

Rolf Fischer (60) war einst Mechaniker. Ein Motorradunfall veränderte sein Leben dramatisch und er wusste nicht, ob er je wieder arbeiten kann. Dank dem Verständnis seines Arbeitgebers ist er heute als Sachbearbeiter tätig.

Rolf Fischer war mit Leib und Seele Mechaniker. Nach seinem Unfall wurde er umgeschult, so dass er im Sitzen arbeiten kann.
Kategorie:
Autor:
Beat A. Stephan

Rolf Fischer, wie geht es Ihnen?

«Danke, abgesehen von den Schmerzen im Bein geht es mir gut. Mir tut zwar jeder Schritt weh, doch ich bin glücklich, dass ich nach meinem schweren Motorradunfall nicht gelähmt bin. Und ich bin dankbar, dass mir meine Arbeitgeberin, die Sappi Schweiz AG in Biberist, einen neuen Arbeitsplatz geschaffen hat. Als 60-Jähriger hätte ich keine neue Stelle gefunden.

Ich arbeite seit 34 Jahren bei der ehemaligen Papierfabrik Biberist. Ursprünglich bin ich Lastwagenmechaniker, von 1994 an arbeitete ich jedoch als Schichtmechaniker. Ein spannender, abwechslungsreicher Job.

Der Schichtmechaniker ist für alles zuständig, das kaputt geht, vom Wasserwehr bis zur Kläranlage. Steigt beispielsweise in der Nacht ein Ventil aus, muss er es reparieren. Diese vielfältige Arbeit habe ich 13 Jahre lang mit Freude ausgeübt.

Der Tag, der ein Leben veränderte

Bis zu jenem fatalen Donnerstag. Es war der 7. Juni 2007. Der Tag, der mein Leben auf einen Schlag auf den Kopf stellte. Ich war unterwegs in der Toskana auf meinem geliebten Motorrad, BMW, satte 1150 Kubikzentimeter Hubraum – das Modell, das auch die Polizei fährt.

Auf der schmalen Strasse kam mir plötzlich ein Lastwagen entgegen. Ich hatte ihn zu spät bemerkt, da ein Felsvorsprung die Sicht verdeckte. Ich versuchte auszuweichen, doch es reichte nicht mehr. Der Laster erfasste den Töff. Ich flog im Salto durch die Luft und glaubte schon, mein letztes Stündlein habe geschlagen. Ich knallte an eine Felswand. Als ich am Boden lag, sah ich mit Grausen, dass mein Bein um 90 Grad nach aussen verdreht war!

Im Spital in Italien lief leider einiges schief. Mein Oberschenkelbruch hätte so schnell wie möglich operiert werden sollen, doch man liess mich drei Tage liegen. Zudem wurde ich von der falschen Seite her operiert, von hinten statt von der Vorderseite. Und bei der Operation wurde mir falsches Material eingesetzt. Die Schrauben und Platten wären eigentlich für den Unterschenkel gedacht, für einen Oberschenkel sind sie zu schwach. Es kam, wie es kommen musste: Die Schrauben und Platten brachen wenige Monate nach der Operation, so dass ich in der Schweiz noch zweimal operiert werden musste. Damit verzögerte sich der Heilungsprozess.

Drei Jahre lang laborierte ich herum, mit Therapien aller Art. Eine Zeit, die für meine Frau nicht einfach war. Schliesslich war ich ihr keine Hilfe, sie musste alles allein machen, sogar den Rasen mähen.

Die Tücken der Computerwelt

Bald wurde klar, dass ich wegen der Schmerzen und der Gehbehinderung nie mehr als Schichtmechaniker arbeiten könnte. Schliesslich legt dieser auf dem Areal grosse Strecken zu Fuss zurück und er muss auf die dreistöckigen Papiermaschinen klettern. Natürlich sah ich mich schon auf dem Arbeitsamt. Doch die Sappi schuf mir eine Schonarbeitsstelle.

Ein Mann und seine Maschine. Jahrzehntelang kümmerte sich Rolf Fischer um die gewaltige Papiermaschine 9.

Seit da arbeite ich im Sitzen, als Sachbearbeiter in der Arbeitsvorbereitung. Dabei lernte ich eine neue Welt kennen: Erstmals muss ich mich mit den Tücken des Computers auseinandersetzen. Word, Excel, das waren für mich früher Fremdwörter. Den Umgang mit den Programmen zu erlernen ist nicht immer ganz einfach für mich, doch ich werde gut geschult.

Meinem Arbeitgeber bin ich dankbar, weil er seine soziale Verantwortung wahrnimmt – nicht nur mir gegenüber. Die Sappi gewann 2007 den Sozialpreis des Kantons Solothurn. Wenn Sie mich fragen, völlig zu Recht.

Auch meinen jetzigen Job übe ich mit Freude aus – bis in drei Jahren, wenn ich vorzeitig pensioniert werde und mich vermehrt meinen Hobbys widmen kann. Ich will mit meiner Frau im Wohnwagen herumzigeunern und mich um meine Enkelkinder kümmern. Ich bin froh, wenn ich den Kinderwagen stossen kann. Das ist eine richtige Gehhilfe.

Der 7. Juni 2007 war eine Katastrophe. Aber er ist auch mein zweiter Geburtstag. Ein anderer ist nach so einem Unfall gelähmt – oder tot.»

Zur Person

Name: Rolf Fischer
Geburtstag: 13. März 1950 und 7. Juni 2007, der Tag des Motorradunfalls.
Familie: Verheiratet seit 1972, zwei Töchter (35 und 33).
Beruf: Automechaniker, spezialisiert auf Lastwagen. Tätig als Schichtmechaniker bis 2007, danach Sachbearbeiter bei der Sappi Schweiz AG in Biberist SO.
Was ich liebe: Blasmusik (spiele Tuba), Tanzen (geht leider nicht mehr), Töff fahren, Fleisch.
Was ich nicht mag: Unehrliche Leute, Alleinsein.

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